Samstag, 22. Dezember 2012

Stell dir vor, es ist Frieden.

So lautete Anfang des Schuljahres der Titel eines Wettbewerbs, an dem Johannes’ Klasse im Rahmen des Kunstunterrichts teilnahm. Das Thema fand ich schon damals sehr interessant und habe es für einen Quilt im Hinterkopf behalten. Immer mal wieder habe ich darüber nachgedacht, wie ich das Thema umsetzen könnte und irgendwann fiel mir dann wieder ein, dass vor vielen Jahren, als Afghanistan befreit worden ist, dass die Afghanen dann wieder einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen, dem Drachensteigen, nachgegangen sind. Dies war wohl während der Zeit der Taliban verboten.

Das war doch schon einmal ein Anfang für meinen Quilt. Ich hatte dann überlegt, die Landschaft in Afghanistan darzustellen. Diesen Gedanken habe ich lange Zeit hin- und hergewälzt, ihn dann aber wieder verworfen. Mir kam dann der Gedanke, für diesen Quilt meine handgefärbte Weißwäsche zu verwenden. Beim Sichten der Stoffe fielen mir schwarz-graue Stoffe in die Hände und dann kam mir die Idee: Ich nähe daraus Blockhausblöcke, welche ich dann unregelmäßig zerschneide und mit leuchtend roten Stoffen versetze. Die Blockhausblöcke sollen in meinem Quilt die Wohnhäuser der Menschen darstellen. Schwarz-grau und alte Stoffe habe ich gewählt, da der Krieg in meinen Vorstellungen dunkel und schwarz ist, auch die Zerstörung kann ich mit den alten Stoffen, die schon eine Geschichte haben, gut darstellen.

P1020972Das Marmorierte der Stoffe passt gut zu Steinen, aus denen Häuser gebaut sind, auch die sind ja niemals ganz ebenmäßig. Vielleicht sind die Häuser schon aus alten Steinen gebaut und erzählen so ihre ganz eigene Geschichte.

Um den Krieg und das Leid darzustellen, habe ich die Blöcke frei Hand zerschnitten und mit leuchtend roten Stoffen versetzt wieder zusammen genäht. Zunächst habe ich geschwankt, ob ich vielleicht einen rot marmorierten Stoff nehmen soll, aber dann habe ich mich für das leuchtende Rot entschieden.

DSC_0610P1020978Der knallrote Stoff wirkt einfach besser und wenn ich diese Farbe sehe, denke ich doch noch eher an Blut und so waren meine Gedanken auch. Die roten Streifen sollen die Zerstörung und das Leid und leider auch die Opfer darstellen. Die Blöcke habe ich dann einfach zusammen genäht und ihnen dabei auch den roten Hintergrund gegeben.

P1020984Tja… und dann wusste ich irgendwie nicht weiter. Blau als Himmel obendrüber, grün als Gras nach unten?

 DSC_0611 P1020986 So hundertprozentig hat mich aber keine der Varianten überzeugt und so hing das Quiltfragment dann erst einmal an meiner Wand. Immer wenn mein Blick darauf fiel, habe ich gedacht, dass ich es so nicht mache. Wie es werden sollte, wusste ich aber auch nicht. Ich hatte ja auch noch die Idee, die Drachen darzustellen; dazu wollte ich eigentlich Drachen auffilzen…

Auf Facebook hatte ich dann einen Hinweis auf einen Shop gesehen, in dem es recycelte Sari-Seide gab. Die leuchtete unheimlich und so habe ich mir ein Knäuel davon bestellt, schon mit dem Hintergedanken, damit meinem Quilt zu verzieren. Das Garn kam im Strang, der in sich verdreht war. Ich habe den mit Steffens Hilfe dann erst einmal zum Knäuel aufgewickelt. Als ich dann mal wieder auf meinen angefangenen Quilt gesehen habe, wusste ich auch, wie der Rand sein musste: Tiefschwarz, aber aus einem neuen Stoff, das konnte kein alter Stoff sein. Zum Glück fand ich in meiner Kiste noch einen Rest schwarzen Uni, der war genau passen.

 P1030996 Ja, genauso sah der Quilt in meinen Gedanken aus! Oben links wollte ich über Eck ein hellblaues Stück für den Himmel einsetzen. Dafür habe ich wieder selbstgefärbte Stoffe verwendet. Im unteren Bereich wollte ich ein grünes Stück für die Wiese einarbeiten. Der erste Versuch gefiel mir jedoch gar nicht, das war nicht stimmig.

P1030997 Also habe ich alles wieder abgetrennt und den grünen Streifen als Gegenpart zur blauen Ecke unten rechts in der Ecke gearbeitet.  P1030999Perfekt! Die blaue obere Ecke, um damit den freien Himmel, ohne feindliche Flugzeuge, darzustellen. Die grüne untere Ecke, um damit das wieder beginnende Leben im noch immer zerstörten Land darzustellen. Und dann kam meine Sari-Seide ins Spiel: Die habe ich mit Zickzack-Stich auf meinen Quilt aufgenäht. Die verschlungenen Pfade der Seide symbolisieren den Flug der Drachen. Man sieht richtig, wie die Drachen tanzen, wie die Leute fröhlich sind, dass es überhaupt wieder möglich ist, die Drachen steigen zu lassen. Um den Neuanfang so richtig darzustellen, mussten in die blauen und grünen Felder noch ein paar blaue bzw. grüne Glitzersteinchen. Im blauen sind sie die Sterne, die über die Menschen wachen, im grünen sind sie die Pflanzen, die auch so langsam wieder zu wachsen beginnen…  Nach einem Krieg freuen sich die Menschen, dass die Zeit nun endlich vorbei ist und lassen ihrer Freude freien Lauf, so zum Beispiel durch etwas, was während der Zeit nicht möglich war. Das Leben beginnt sich zu normalisieren und die Menschen beginnen, sich wieder neu zu orientieren…

P1040023 Von meiner ursprünglichen Idee, dies alles so richtig bildlich darzustellen, ist eigentlich nichts übrig geblieben, aber ich muss sagen, so gefällt mir mein Quilt besser.

1 Kommentar:

Petruschka hat gesagt…

Die Geschichte zurVenzstehung deines Erinnerungsquiltes ist faszinierend und spannend. Patchwork ist eben auch viel mehr als nur Stoffe zerschneiden und sie irgendwie zusammennähen. Ich klann deine Gedankengänge sehr gut nachvollziehen. Es ist tarurig, daß irgendwo auf der Welt immer noch Krieg ist und die "einfache" Bevölkerung leidet. Wir können auch politisch!

Und was ist aus dem Projekt der Kinder geworden?

LG, Petruschka